Trügerische Idylle
- Die Bootsoma

- 18. März
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. März
The Village Deep Down von Johanna Wolfmann
Erschienen 2025, 820 S.
Mit herzlichem Dank an die Autorin des Romans für das Rezensionsexemplar!

Vom Meer aufs Land
Vor fünf Jahren erschien Johanna Wolfmanns erster großer Roman Als wir verschwanden. Der Science-Fiction-Roman beginnt auf dem Meer, die ersten Szenen spielen auf einer Segelyacht. Genau die richtige Lektüre für mich als Bootsoma also. Dass ich das gesamte Buch damals sehr gerne gelesen habe, liegt weniger an einer Vorliebe für Zukunftsromane als an der Qualität des Buchs. Die 580 Seiten voller Utopie und Dystopie zogen mich in ihren Bann.
Das Dorf tief unten
Umso gespannter war ich auf das neue Buch von Johanna Wolfmann „The Village Deep Down“, das mit 820 Druckseiten noch einmal deutlich umfangreicher ist. Zunächst habe ich die EPUB-Leseprobe heruntergeladen und gelesen. Eine sehr umfangreiche Leseprobe ist das, sie umfasst 32 Kapitel. Nach der Lektüre dieser Kapitel wurde deutlich, dass eine andere Art von Spannung im Mittelpunkt steht als im ersten Roman: Die eigentliche Spannung liegt nicht in der äußeren Handlung allein, sie verlagert sich eher auf die Ebene des individuellen Bewusstseins. Geschickterweise endet die Leseprobe genau an einer Stelle, an der ich als Leserin unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht. Umso habe ich mich sehr gefreut, dass ich das gesamte E-Book lesen durfte.
Gliederung und Inhalt
Ein so langes Buch erfordert eine gute Gliederung. 60 Kapitel verteilen sich gleichmäßig auf sechs übergeordnete Abschnitte, zu denen weitere Abschnitte am Anfang und Ende hinzukommen.
Finge der Roman nicht mit dem wichtigen Abschnitt „Attunement Einstimmung“ an, wer weiß, ob ich weitergelesen hätte. Auf den ersten Seiten heißt es z. B. „Warum haben wir dreitausend Jahre lang Frauen unterdrückt? Ganz einfach: Weil es sich bewährt hat.“ Das hat mich spätere Kapitel mit anderen Augen lesen lassen, als es ohne diese Grundstimmung geschehen wäre.
Die eigentliche Handlung beginnt im Abschnitt „The Show Das Schauspiel“ und in dem Dorf, das dem Buch den Titel verleiht. Ein Dorf mit einer starren, archaischen Welt, in der jede Frau, jeder Mann in ein Korsett an harschen Regeln gepresst ist. Hier begegnen wir Trish, der offenbar als einziger in dieser Welt einen Funken Rebellion in sich trägt.
Der Protagonistin Cy Miller begegnen Lesende im zweiten Abschnitt „The Stake Der Einsatz“. Erst in den Kapiteln dieses Abschnitts wird klar, dass das Dorf eine Inszenierung ist und warum die Dorfbewohner gar nicht frei handeln und entscheiden können oder dürfen.
Die weiteren Abschnitte „The Deception Die Täuschung“, „The Offer Das Angebot“, „The Queen in the Game Die Dame im Spiel“, „Rien ne va plus Nichts geht mehr“, „Game over Das Spiel ist aus“ verbinden und verweben allmählich Trish und Cy und ihre konträren Lebenswelten: das Dorf mit archaischen Sitten und die Welt der Zukunft, in der die geheimnisvolle Macht der „Sphäre“ herrscht mithilfe des von ihr geschaffenen „OS“, auch „Sys“ oder „Tec“ genannt. Von den ungewohnten Bezeichnungen muss man sich nicht verwirren lassen: Im Glossar am Ende des Buchs kann man nachlesen, was sie in den Buchwelten bedeuten. Die Abschnitte „Epilog Nachspiel“ und „Appendix Anhang“ runden das Buch ab.
Die unterschiedliche Kapitel mit ihren eigenen Welten, mit den Handlungen, Beziehungen und Gefühlen ihrer Menschen brachten mich als Lesende ins Grübeln: über Selbst- und Fremdbestimmung, über Gefühle, Macht, Lust und Gewalt, über die Frage, wie und welcher Gesellschaft wir leben wollen.
Mein Gesamteindruck
Ich gebe es zu: Mir fehlen die Worte, um dem ganzen Werk gerecht zu werden. Sehr viel mehr ließe sich zu den einzelnen Handlungssträngen schreiben, zu den Ideen oder zu den Akteuren: von den „Unmods“ der neuen Zeit, zu Zack, zu Personen im Dorf tief unten wie Odin oder Hector. „The Village Deep Down“ ist kein Buch, das sich in gängige Muster und wenige Sätze pressen lässt. Es ist auch kein Buch, das man mal eben nebenbei liest, dazu ist es inhaltlich viel zu komplex und zu umfangreich. Aber ich bin ziemlich sicher: Wer Zukunftsromane mag, gerne über Gesellschaftsformen der Zukunft nachdenkt und sich auch von dystopischen Elementen nicht schrecken lässt, wird es sehr gerne lesen. Lese-Ausdauer vorausgesetzt. Meine Bewunderung für das komplexe Werk ist der Autorin jedenfalls sicher.




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