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  • AutorenbildDie Bootsoma

Der Turm der Winde

Aktualisiert: 15. Jan.

Der Wind hat viele Gesichter und noch mehr Namen – der Turm der Winde in Athen führt zu einer griechisch-türkischen Windnamenkunde. Danke ans B3Blog, in dem dieser Beitrag ursprünglich erschien.


Die Winde in der griechischen Sagenwelt

Der Turm der Winde in Athen steht auf der Liste der Bauten, die ich gerne einmal /in natura/ sehen würde (EDIT: Ich habe Glück inzwischen das Glück gehabt, ihn noch im Jahr 2021 zu besuchen und selbst ein Foto davon zu machen; aber das ist eine ganz andere Geschichte). Natürlich personifizierten die Griechen der Antike auch die Winde, alles andere hätte angesichts der reichen Sagen- und Götterwelt auch überrascht. In aller Kürze: Der Turm der Winde wurde im 1. Jh. n. Ch. gebaut und hatte zwei Funktionen: Er diente zur Zeitbestimmung (Sonnenuhr oder Horlogion) und als Wetterstation. Mehr faktisches Hintergrundwissen zum Turm der Winde gibt es bei Wikipedia: Turm der Winde.


Das also sind die Herren Winde (alles Männer, na klar) mit der Windrichtung, sie interessieren uns in diesem Blogbeitrag ganz besonders. Gemeint ist offenbar jeweils die Richtung, aus der der Wind kommt, zumindest heißt heute noch der heftige Fallwind aus nördlicher Richtung an der kroatischen Küste Bora. Also wäre die Angabe der Himmelsrichtung als Eigenschaft des betreffenden windigen Menschen angebrachter. Ich bleibe in meiner Aufzählung bei der Himmelsrichtung als Substantiv und denke mir ein „aus“ dazu: Boreas weht aus dem Norden.

Folgt man der Kompassrose von Norden im Uhrzeigersinn, sind das die Namen der Windmänner, der Windgötter der griechischen Antike:

Boreas > Norden

Kaikias > Nordosten

Ap(h)eliotes > Osten

Euros > Südosten

Notos > Süden

Lips > Südwesten

Zephyros > Westen

Skiron > Nordwesten

(Für Erklärungen zu den Windnamen bitte weiterscrollen.)


Die türkischen Windnamen

Auch in der heutigen Türkei haben die Winde blumige Namen, einige Windwörter sind sogar beliebte weibliche Vornamen. Der starke Nordwind, der im Sommer in der Ägäis Richtung Süden bläst und Meltem (bzw. in Griechenland Meltemi) genannt wird, heißt unter türkischen Seglern gar nicht so, wie sich in der Liste unten nachlesen lässt. Aus den Zeiten bei meinen Schwiegereltern am Marmarameer erinnere ich mich vor allem an Poyraz (weht aus Nordost) und Lodos (kommt aus Südwest). Von Nord über Ost und Süd nach West lautet die Liste der türkischen Windnamen so:

Yıldız > Norden

Poyraz > Nordosten

Gündoğusu > Osten

Keşişleme > Südosten

Kible > Süden

Lodos > Südwesten

Günbatısı > Westen

Karayel > Nordwesten


Yıldız bedeutet Stern. Somit dürfte der Nordstern Namensgeber für diesen Wind sein. Der Nordstern, das ist natürlich der Polarstern, die zuverlässige Orientierungshilfe für Seefahrende und Reisende seit alten Zeiten.

Poyraz ist über »foryas« (neugriech.: voreás)**vom guten alten Boreas abgeleitet. Nicht nur die Wortspur hat sich verändert, auch die Windrichtung hat sich um ein paar Grad auf der Windrose verschoben: Poyraz bläst aus Nordosten, Boreas direkt aus dem Norden.

Gündoğusu und Günbatısı sind leicht abzuleiten für alle, die Türkisch sprechen: »Gün« bedeutet Tag. Im Osten »entsteht er« (Gündoğusu), im Westen »geht er zu Ende« (Günbatısı).

Keşişleme ist ein Wort, dessen erster Bestandteil aramäische und altsyrische Wurzeln hat und Priester bedeutet. Keşişleme bedeutet auch Priestertum. Aus Istanbul ist die Sicht klar: Das Wort deutet nach Südosten.

Kible (arab.: qibla قبلة) versteht jeder Muslim: Das ist die Gebetsrichtung, die Richtung nach Mekka, der heiligen Stadt des Islam.

Lodos wiederum hat griechische Wurzeln, der Ursprung liegt in griech. nótos.

Karayel: In Südfrankreich kennt man ihn als Mistral, aber das erklärt natürlich nicht das türkische Wort. Türk. kara bedeutet schwarz, »yel« ist ein altes türkisches Wort für Wind. Eine genauere Erklärung für den Windnamen habe ich nicht gefunden, deshalb teile ich hier meine Vermutung. Vielleicht geht das Wort darauf zurück, dass besonders der Nordwestwind dunkle Gewitterwolken und die entsprechend bedrohlichen Winde mit sich bringt. (/Fun Fact:/ Das alttürkische Wort yel erinnert an englisch to yell, das bedeutet schreien. Etymologisch haben die beiden Wörter gar nichts miteinander zu tun, inhaltlich ist das eine nette Eselsbrücke: der brüllende schwarze Wind ...)

Interessant ist auch die etymologische Herkunft des Meltem bzw.*Meltemi*, den man weder in der türkischen noch griechischen Windrose findet und den doch jeder an der türkischen und griechischen Ägäisküste kennt. Türkische Wörterbücher geben als Wortursprung ital. »mal tempo« für schlechtes Wetter an. Dagegen verortet Wikipedia als Wortherkunft das türkische Wort meltem, das anders als der stürmische Sommermeltemi lediglich Brise, sanfter Wind bedeutet. Letzteres ist sicherlich eine Erklärung dafür, weshalb Meltem ein beliebter weiblicher Vorname ist.

Wie die sanfte Brise zum oft ungemütlichen Meltem wurde, erklärt das nicht. Da scheint die türkische Erklärung von der italienischen Wurzel doch sinnvoller zu sein, denn die türkische Seemannssprache kennt nun einmal sehr viele Wörter mit italienischem Ursprung, eine historische Erinnerung an die Blütezeit des venezianischen und genuesischen Handels im Mittelmeer (vgl. dazu auch: Italienische Einflüsse im Türkischen). Griechische, italienische, türkische Wörter: Sie alle haben ihre Spuren im östlichen Mittelmeer hinterlassen und das ist ja nur folgerichtig. Kulturaustausch in vielerlei Hinsicht ist keineswegs eine Erfindung der Neuzeit, ich betone es gerne immer wieder. Ganz abgesehen davon, dass Winde sich nicht an nationale Grenzen halten.


Die Herkunft der griechischen Windwörter

Aber zurück zum Anfang, zu den alten Griechen und ihren Sagen. Woher kommen die griechischen Windnamen der Mythologie? Der Gott der Winde und damit der Herrscher über die verschiedenen Winde war bekanntlich Aiolos.

Boreas bedeutet schlicht und ergreifend der Nördliche, er verkörpert den Winterwind aus dem Norden (vgl. oben die Erklärung zu Poyraz). Seine Brüder sind Euros, Notos und Zephyros. Sie alle sind Söhne von Eos, der griechischen Göttin der Morgenröte.

Kaikias ist abgeleitet vom Fluss(gott) Kaïkos. Dieser Fluss führt durch das Gebiet um Troia. Er liegt also im nordwestlichen Zipfel von Kleinasien und heißt heute auf Türkisch Bakırçay (d. h. Kupferfluss).

Eigentlich war Euros in der griechischen Mythologie für alle Ostwinde zuständig. Aber irgendwann wurde er zum Südostwind und der eigentliche Ostwind zum Feuchtigkeit bringenden Apheliotes, der auf Lateinisch /Subsolanus /genannt wurde.

Auch Notos ist einer von Eos' Söhnen. Er galt als sanft und warm, brachte aber auch unangenehme Herbststürme mit sich.

Lips ist von Libyen abgeleitet. Es heißt, dass seine Winde besonders günstig für Schiffe waren, die nach Piräus einlaufen wollten, also in den Hafen von Athen.

Zephyros (d. h. »der vom Berg Kommende«)oder kurz Zephyr galt als Frühlingsbote. Dieser Windgott war bei europäischen Künstlern in späteren Jahrhunderten sehr beliebt, er ist auf vielen Bildern des sprichwörtlichen Liebeserwachens im Frühling abgebildet und darf in den Gemäldesammlungen vieler Museen als jugendlicher Liebhaber bewundert werden.

Die griechische Sagenwelt kennt Skiron als einen Sohn des Poseidon, der diesem göttlichen Einfluss zum Trotz alles andere als ein sympathischerTyp war. Wie er zum Nordwestwind wurde, ist mir noch nicht klar.


Wie der Wind weht

»Der Wind, der Wind, das himmlische Kind« ist im Märchen die ausweichende Antwort, die Hänsel und Gretel der bösen Hexe geben auf ihre Frage, wer am Lebkuchenhaus knabbert. Tja, welchen Wind meinten sie denn nun? Die Winde, über die wir bisher gesprochen haben, bezogen sich auf Winde an den Küsten des östlichen Mittelmeers.

In Hänsel und Gretels Wald in deutschen Landen wehten andere Winde. Ganz sicher herrschten im alten Germanien andere Verhältnisse als im Mittelmeerraum. Im Norden war Wettergott Thor zuständig als alleiniger Herrscher über alle Winde.


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