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  • AutorenbildDie Bootsoma

Ilse lernt lachen

#52in23 Woche 4 der Schreibchallenge im Jahr 2023.

Das Leben ist bierernst. Noch ernster ist nur Ilse, denn ihr Leben ist meistens langweilig und manchmal todtraurig. Bis sie eines Januartages ein Blitz der Erkenntnis trifft: Sie muss lachen.



4. Der Schlitten

Als Ilse nach einer neuen Packung Kamillentee im Küchenregal greifen wollte, erstarrte sie. Oder genauer: Sie wäre gerne erstarrt. Da sie aber gerade im Begriff war, die nächste Stufe ihres Tritthockers zu erklimmen, der ihr seit dreißig Jahren den Aufstieg in die höheren Sphären ihres Küchenreichs ermöglichte, war das Erstarren nur bedingt erreichbar. Wenn ein Fuß in der Luft schwebt, weil er eine Stufe höher landen will, könnten selbst deutlich jüngere Personen als Ilse beginnen, gefährlich zu schwanken.

Da sich die Dimensionen des Kücheninventars in dreißig Jahren tief in jeden Winkel ihres Unterbewusstseins eingefressen hatten, ergriff Ilses Hand instinktiv das einzige zum Festhalten geeignete Regalbrett im Umkreis ihrer Acht-Quadratmeter-Küche. Das Schwanken war abgewendet, der Erstarrungsprozess konnte sich fortsetzen.

Denn was Ilse bis ins Mark getroffen hatte, war nicht ihr bewährter Tritthocker. Nein, ihr Auge war auf die weiße Keramikdose mit den gelben Streifen auf dem dritten Brett von unten des Regals links neben dem Fenster gefallen. Und diese Dose, Ilse war sich hundertprozentig sicher, stand nicht mehr so da, wie Ilse sie einst vor Jahrzehnten nach einem sorgfältig ausgeklügelten Plan drapiert hatte, der auch nach regelmäßig durchgeführten Reinigungsaktionen in der Küche jedes Mal penibel wiederhergestellt wurde.

Das war merkwürdig, denn Ilse hatte kein Haustier, das eine unautorisierte Verschiebung hätte vornehmen können, und kaum Besuch. Ilse stand mit beiden Beinen auf dem Tritthocker und fühlte die Grundfesten ihrer Ordnung wanken.

Ilses rechte Hand griff nach der Keramikdose, die linke hob den Deckel hoch und legte ihn auf das Brett, um gleich darauf den einen in der Dose aufbewahrten Gegenstand hervorzuholen: ein vergilbtes Schwarzweißbild.

Ilse kniff die Augen zusammen. Wie war das Bild in die Dose gekommen, was hatte es in ihrer Küche zu suchen? Fotos gehörten ins Fotoalbum. Sie beschloss, dieses ernste Problem zu vertagen und sich zunächst das Foto genauer anzusehen.

Drei fröhliche Kindergesichter strahlten ihr entgegen, ein Mädchen und zwei Jungen, erkennbar an der Kleidung. Offensichtlich stammte das Bild aus einer Zeit, als Mädchen Röcke und Jungen Hosen trugen. Kein Zweifel möglich, Ilse kannte die drei Kinder auf dem Bild genau. Das etwa siebenjährige Mädchen in der Mitte war sie selbst, flankiert von ihrem älteren Bruder auf der rechten Seite und ihrem jüngeren Bruder auf der linken. Hinter ihnen der Schlitten, dessen Leine fest in Ilses Fausthandschuh ruhte. Das Lachen der Kinder auf dem Bild war ansteckend. Ilse ertappte sich dabei, wie sich ihre Mundwinkel zu einem zaghaften Lächeln hoben. Eine ungewohnte Bewegung, die sie schon lange vergessen zu haben glaubte.

Plötzlich ließen laute Geräusche sie zusammenfahren. Die Mundwinkel änderten ihre Position nach unten, Ilse stand auf, ging zum Fenster und riss es auf. Der Mund formierte sich zum gewohnten Ruf: „Ihr unverschämten Bengel, was für ein Krach ...“ Erst bei diesem Wort meldeten die Augen an den Mund, was sie beim Blick aus dem Fenster sahen: Drei Kinder, die sich mit einem Schlitten im Schlepptau vom Haus entfernten. Der Mund schloss sich für einen kurzen Moment der Sammlung, befahl den Mundwinkeln eine Hebung nach oben, öffnete sich wieder – und das Undenkbare geschah. Ilse lachte. Das unbeschwerte Lachen ihrer Kindheit.

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